
Der Paragraf 249 in der DDR
Mit Einführung des Strafgesetzbuches der DDR 1968 und dessen Paragrafen 249 wird die „Gefährdung der öffentlichen Ordnung durch asoziales Verhalten“ unter Strafe gestellt. Darunter fallen „arbeitsscheues Verhalten“ bis zur Arbeitsverweigerung, Prostitution sowie das Verschaffen des Lebensunterhalts „auf andere unlautere Weise“. Die Sanktionen reichen von Geldstrafen und Aufenthaltsbeschränkungen über Kontrollmaßnahmen bis zu Gefängnisstrafen und „Arbeitserziehung“. Das Hauptmerkmal bei Verurteilungen liegt auf dem Arbeitsverhalten. In der überwiegenden Zahl der Fälle werden Gefängnisstrafen verhängt, Bewährungsstrafen sind selten.
„Asoziales Verhalten“ und „arbeitsscheu“ gelten dabei sowohl als potenzieller Einstieg in eine kriminelle Karriere als auch als Gefährdung der sozialistischen Staatsordnung insgesamt. Wer nicht dem Ideal des sozialistischen Menschenbildes entspricht gilt rasch als Staatsfeind. Insofern ist die Verfolgung nach Paragraf 249 politisch-ideologisch motiviert. Mit Hilfe von Sozialdisziplinierung und „Arbeitserziehung“ sollen vermeintlich „Asoziale“ „umerzogen“ werden. Dieses Vorgehen wird von einem nicht unwesentlichen Teil der Bevölkerung mitgetragen und unterstützt – diktatorisches Handeln und die Haltung der Bevölkerung gehen in Bezug auf Paragraf 249 häufig Hand in Hand. Dabei werden über den „Asozialenparagrafen” nicht nur unangepasste und politisch miss- liebige Menschen kriminalisiert, sondern auch gesellschaftliche Randgruppen: Menschen, die von Armut, prekären Wohnverhältnissen, Sucht, einem niedrigen Bildungsstandard und fehlender beruflicher Qualifizierung betroffen sind.
Als Erich Honecker 1971 Staats- und Parteichef der DDR wird, verstärkt sich die Repression gegen vermeintlich „Asoziale“ weiter und lässt durch die hohen Verurteilungszahlen die Kriminalitätsstatistik anwachsen. Bis 1989 kommt es zu knapp 146.000 Verurteilungen nach Paragraf 249, darunter rund 126.000 Gefängnisstrafen. 1988 sind insgesamt knapp 6.000 Menschen nach Paragraf 249 inhaftiert und machen damit ein Viertel aller Inhaftierten aus.
